Calonge

Dolmen, Wein, Kork und die Indianos – In 5 Jahrtausenden durch die Stadtgeschichte.

Es ist höchste Zeit an dieser Stelle unser Dorf Calonge vorzustellen, in dem wir und unsere Gäste eine so wunderbare Zeit verbringen dürfen. Der Name Calonge taucht eher selten bis gar nicht in den ewigen Top-Ten Listen der Costa Brava auf. Es gehört eher zu den hidden places, dessen verborgene Reize man sich aber unbedingt erschließen sollte. Es gibt hier tatsächlich viel zu entdecken: Die Römer, das Mittelalter, die Indianos und die Kork-Barone, sie alle haben ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Dazu gibt es jede Menge guten Wein und Bücher. Genau, Bücher! Denn Calonge ist seit 2021 die einzige Booktown in Katalonien, das ‚Poble de Llibres‘ (Dorf der Bücher), wie es sich seither stolz nennt.

Calonge besteht aus zwei Orten, Sant Antoni de Calonge an der Küste und dem ursprüngliche Ort Calonge, der rund 2 Kilometer landeinwärts liegt. Vielleicht mag das auch mit ein Grund sein, warum man zwischen den beiden Platzhirschen Palamós und Platja d‘Aro im wahrsten Wortsinn ins Hintertreffen geraten ist, was die Besucherfrequenz angeht.


Wir beginnen unseren Rundgang in der Altstadt, dessen Bild das Castell und die Pfarrkirche Sant Martí prägen. Um diese beiden markanten Gebäude schmiegen sich die ältesten Häuser. Die Anfänge sowohl des Castells als auch der Kirche lassen sich nicht ganz genau datieren. Der älteste quadratische Turm des Castells wurde vermutlich bereits im 8. Jh. gebaut. Unter wechselnden Adelsgeschlechtern wurde die Burg im Laufe der Jahrhunderte dann ständig erweitert – um Zinnenmauern, Wehrtürme und sogar einem Palast im Stil von Gotik und Renaissance.

Das Castell zählt zu den größten Festungen der Baix Empordà, sein Burghof ist Schauplatz von vielen Festivals und Konzerten das ganze Jahr über. Weit über die Grenzen hinaus bekannt sind der Mittelaltermarkt (Mercat Medieval) in der Karwoche und das Weinfest La Festa del Vi nou, das zusammen mit der Festa Major de Sant Martí im November gefeiert wird.

Die Iglesia de Sant Martí wird in Dokumenten des 10. Jahrhunderts zum ersten mal erwähnt. Aber auch deren Ursprünge gehen viel weiter zurück – in den Fundamenten wurden Überreste von vor-romanischen und romanischen Tempeln gefunden. Wie das Castell wurde auch die Kirche durch die Jahrhunderte ständig um- und ausgebaut.

Bevor wir weitere Zeugnisse der frühen Besiedelung im Stadtgebiet besuchen, bleiben wir noch etwas in der Altstadt und erfahren auf der Ruta de los Indianos die Einflüsse derjenigen Einheimischen, die es in Übersee zu Wohlstand gebracht hatten und wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Überwiegend im 19. Jh. gab es in Katalonien eine Auswanderungswelle nach Amerika – vor allem nach Kuba – mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg. In vielen Orten an der Costa Brava finden sich heute noch die schönen und beeindruckenden Häuser, die sich die wohlhabenden Rückkehrer bauen ließen. Auch haben sie ihre Gemeinden mit großzügigen Spenden an ihrem Reichtum teilhaben lassen, womit in Calonge zum Beispiel der Bau von zwei Schulen und einem Theater finanziert wurde. Auch der große Glockenturm von Sant Martí war eine Spende der ortsansässigen Indianos.

Eines der markantesten ‚Indiano‘-Gebäude der Altstadt: die Capela de la Mare de Déu de Carme, ein dem Orden der Carmeliterinnen gestiftetes Haus, um dort eine Mädchenschule zu errichten (heute im Besitz der Gemeinde).

Wer der Ruta de los Indianos weiter folgen möchte – im Tourismus-Büro von Calonge-Sant Antoni gibt es eine Broschüre mit den interessanten Geschichten rund um deren Vermächtnisse an die Stadt.

Auch der Kork brachte Wohlstand nach Calonge. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich Calonge i Sant Antoni von einer ländlichen Siedlung zu einer der Industriestädte der Region. Calonge liegt im Korkeichengebiet der Gavarres, schon 1768 sind hier Hersteller von Korkverschlüssen belegt. Bis 1842 gab es 47 Betriebe mit insgesamt 740 Arbeitskräften. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erlebte der Sektor infolge der Mechanisierung einen starken Rückgang, was zum allmählichen Verschwinden der handwerklichen Kleinproduktionen führte. Mit dem Beginn des Spanischen Bürgerkrieges war die Blütezeit von Calonge dann endgültig vorbei.

Ein Zeugnis des Kork-Booms und ein Wahrzeichen der Stadt, das auf dem Weg von Calonge nach Sant Antoni leider nur halb über den Bäumen hervorragt: Der Torre Roura. Mit seiner modernistische Residenz, hat sich der Kork-Industrielle Enric Lluís Roura i Vilaret 1896 hier ein beeindruckendes Denkmal bauen lassen. Es ist heute noch in Familienbesitz und leider nicht in öffentlichen Besichtigungen zugänglich.

Die Korkeichenwälder erstrecken sich bis an die Küste. Sie werden auch heute noch von Landwirten und Weinbauern bewirtschaftet. Das Foto ist auf einer der wunderschönen Wanderungen durch die Gavarres-Landschaft aufgenommen. Wer ambitioniert ist, erklimmt den Puig Cargol, mit 363 m die höchste Erhebung in Calonge.

Seit vielen Jahrzehnten eine Institution in Calonge: Das Restaurant Can Muni, nicht zu verfehlen in der Carrer Major. Authentischer geht es nicht: hier gibt es die traditionelle Mar y Montaña Küche, das Beste aus dem Meer und den Wäldern der Gavarres, wie zum Beispiel Schweinsfüße mit Garnelen. Dazu, wie kann es anders sein, Wein aus Calonge

Das Motto des inzwischen betagten Ehepaares ist Slow Slow Food, mit der bewussten Doppelung. (Man sollte tatsächlich etwas Zeit mitbringen ;)). Inzwischen hat das Can Muni nur noch am Wochenende geöffnet. Eine Reservierung ist unbedingt erforderlich, es hat nur wenige Tische.

Seit Dezember 2021 hat Calonge noch ein anderes Gesicht. Mit der Intention, das kulturelle und soziale Leben der Gemeinde zu beleben, verpasste sich Calonge ein Alleinstellungsmerkmal und wurde  das erste dauerhafte ‘Dorf der Bücher’ Kataloniens . Die ‚Booktowns‘ sind eine internationale Vereinigung von Städten, die sich der Literatur verschrieben haben (https://internationalbooktowns.org/).

Die Gemeinde stellte leerstehende Läden bereit und förderte die Gründungen von sechs Buchläden. Manche Läden haben sich spezialisiert, auf Kinderbücher, auf Comics oder auf mehrsprachige Literatur.

Das ganze Jahr über bietet Calonge ein vielfältiges Kulturprogramm rund um Literatur mit vielen Lesungen an. Ausserdem gibt es eine Schreibwerkstatt mit Kursen und Workshops für alle Altersgruppen. (pobledellibres.cat).

Wir würden uns freuen, wenn die Bemühungen mehr Leben nach Calonge zu bringen, Erfolg zeigen und diesen entzückenden Ort aus dem Dornröschenschlaf wecken.

Jetzt geht es in der Zeitreise wieder zurück in die Antike:

Die Römer hatten auch hier eine exponierte Lage für sich genutzt. Im Stadtpark del Collett in Sant Antoni wurden Überreste eines römischen Landgutes entdeckt. Die Villa Romana del Collett erzählt von der jahrtausendealten Geschichte des Weinbau in Calonge: Ausgrabungen legten ein großes Landgut mit einer Töpferei frei, wo in bis zu 19 Brennöfen im großem Stil Amphoren für den Weinexport über das Mittelmeer hergestellt wurden. Sie waren vom 2. Jh. v. Chr. bis ins 5. Jh. n.Chr in Betrieb.
Die Ausgrabungen dauern noch an, daher ist die Villa momentan nur im Rahmen von Veranstaltungen zu besuchen. Ich hatte das Glück, zufällig auf einen netten Menschen zu treffen, der mich für eine kurze Stip-Visite hereinließ.

Wer noch tiefer in die Geschichte einsteigen möchte und ein Faible für Zeugnisse der Jungsteinzeit hat, der findet auf der Gemarkung Calonge – auch auf schönen Wanderungen – an mehreren Stellen Dolmen und Menhire. Ein viel beachtetes Exemplar dieser Grab- und Kultstätten befindet sich mitten im Stadtteil Sant Daniel: der Dolmen de Puig ses Forques.

Nach so viel Kultur und Geschichte geht es ans Meer.

Der Ortsteil Sant Antoni an der Küste wurde erst viel später besiedelt, als die Piraterie allmählich nachließ. Der Wachturm Torre Valentina erinnert noch an die Zeit der schlimmen Überfälle. Bei aufkommender Gefahr warnten Feuer und Rauchzeichen von hier aus die Menschen im Hinterland.

Torre Valentina: Einst zur Verteidigung gegen Piraten errichtet, jetzt umzingelt von Urlaubern.

Heute ist Sant Antoni de Calonge eine gut geölte Tourismus-Maschine, die dem Ort nach schwerer Wirtschaftskrise und viel Zerstörung durch den Bürgerkrieg wieder zu Wohlstand verholfen hat.

Am Ende vom Strand Torre Valentina führt der Camí de Ronda weiter nach Platja d’Aro. Die kleinen Buchten flüstern uns mit ihren Namen noch Geschichten aus vergangenen Zeiten zu, wo noch züchtig und keusch – getrennt nach Geschlechtern – gebadet wurde: nach der Frauenecke Racó de les Dónes folgt die Racó de les Homes für die Männer und damit nicht genug – die Geistlichen bekamen mit der anschließenden Cala dels Capellans auch noch einen eigenen Badeplatz. (Ich frage mich beim Durchwandern jedes Mal, wer bei wem gespickelt haben mag. ;))

Den mit wichtigsten Faktor, der untrennbar mit dem Ort verbunden ist, habe ich für heute ausgelassen: den Weinbau in Calonge. Der ist tatsächlich so reich an Geschichten und Traditionen, das ich darüber ausführlich im nächsten Beitrag berichten werde, wo es um die Weine der Empordá im Allgemeinen und über die in Calonge im ganz Besonderen geht. Denn Calonge besitzt im empordanischen Weinbau tatsächlich einige spannende Alleinstellungsmale.

¡Salut!

17251 Calonge, Baix Empordà, ca. 3 km / 10 Min. von Calonge-Cabanyes entfernt

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