Wanderung auf dem Camí de Ronda bei Palamós, vom Strand La Fosca zur Castell Bucht 

Unterwegs auf wunderschönen Wegen mit spannenden Einblicken in die jüngere und ältere Geschichte der Costa Brava.

An unserem Ausgangspunkt, dem Strand von La Fosca (Palamós), heben wir uns die netten Bars für unsere Rückkehr auf und schlagen den Camí in Richtung Norden ein.

Schon nach wenigen Metern passieren wir die Überreste einer Burg, die auf die lange und wechselhafte Geschichte der Costa Brava hinweist: An dieser exponierten und strategisch günstigen Stelle wurde im 11. Jhr. das Castell de Sant Esteve de Mar errichtet. Doch schon lange vorher war diese Klippe bereits von einer römischen Villa und davor von einer iberischen Siedlung eingenommen worden.

Die Burg kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Auskunft darüber gibt das Fischereimuseum in Palamós.

Foto: visitpalamos.cat

Wir gehen weiter, blicken nach der nächsten Biegung auf die Cala S’Alguer und verstehen sofort, warum diese kleine, malerische Felsenbucht eines der beliebtesten Foto-Motive der Costa Brava ist. Die traditionellen Fischerhäuser sind mittlerweile weltbekannt, sie gelten als eine der schönsten und am besten erhaltenen Fischerdorf-Enklaven der Region und sind Teil des nationalen kulturellen Erbes. 

Da die Fischerhäuser allesamt in Privatbesitz sind, ist ein Einkehren oder sonstiges Verweilen hier nicht möglich.

Wir gehen also weiter in die Cala Castell, die sich uns in einer wunderschönen Unberührtheit präsentiert, die in dieser Form an der Costa Brava tatsächlich selten bis einmalig ist. Dank einer Volksabstimmung im Rahmen eines Referendums in 1994 stimmte die Mehrheit der Bevölkerung von Palamós gegen eine geplante Bebauung der Bucht mit Ferienanlagen. Was für eine gute Entscheidung!

Wir sehen hier schon in der Ferne ein Haus an exponierter Stelle herausragen, über das wir gleich noch näheres erfahren.

Hier lohnt sich ein Verweilen und in der Sommer-Saison können wir eine Erfrischung in der Strandbar einnehmen. Und wer mag taucht mit mir dabei in die sehr bemerkenswerte Geschichte der Cala Castell ein. Es ist ein wenig so, wie ein Blättern durch die Klatschspalten der Presse des vergangenen Jahrhunderts, wo wir dem Glamour nachspüren, der hier in den 1930er bis 1960er Jahren über diese einsame Bucht wehte.

Auf der linken Seite der Bucht sehen wir einen Teil des Anwesens von Mas Juny aus dem Wald blitzen, ein legendärer Treffpunkt des internationalen Jet-Sets dieser Zeit. Und das kam so: Der damals weltbekannte und in höchsten Kreisen gefragte katalanische (Wand-)Maler Josep M. Sert, kaufte 1930 dieses alte, leerstehende Bauernhaus samt 75 Hektar Land mit Blick aufs Meer als Hochzeitsgeschenk für seine zweite Frau, die georgianische Adlige Rousadana „Roussy“ Mdivani und ließ es aufwändig als Sommerhaus restaurieren.

Es folgten 5 rauschende Sommer, in denen Mas Juny zum Ort der Begegnung von Künstlern aus der ganzen Welt wurde und sich hier so illustre Gäste wie Marlene Dietrich, Coco Chanel, Regisseure wie Luchino Visconti, berühmte Schriftsteller wie Josep Pla, Künstler wie der junge Dalí und jede Menge – wie wir heute sagen würden – Promis aus Politik und Zeitgeschehen, die Klinke in die Hand gaben.

Roussy Mdivani mit dem jungen Salvador Dalí und seiner späteren Frau und Muse Gala *

In der einheimischen Bevölkerung war man wohl einigermaßen entsetzt über die losen Sitten, die in Mas Juny herrschen sollten und erzählte sich Gerüchte von sehr freizügigen Partys, die das Ehepaar Sert gab. Man wollte auch des öfteren einen breitflächigen Geruch nach Opium über der Bucht bemerkt haben. Anstoß gab aber auch die Dame des Hauses selbst, die in kurzen Hosen herumlief, was für die katholische Landbevölkerung zur damaligen Zeit als praktisch nackt galt.

Ein tragischer Unfall machte dem mondänen Treiben ein Ende: Der jüngste und Lieblings-Bruder der Hausherrin Alexis verstarb bei einem tragischen Unfall, als er seine damalige Geliebte Maud von Thyssen schnell von Mas Juny zur nächsten Zugverbindung nach Paris fahren wollte. Ihr Ehegatte Baron Heinrich von Thyssen-Bornemisza hatte sich überraschend in ihrem Haus in Paris angekündigt.

Der Playboy Alexis, dessen Vorliebe unter anderem aus Beziehungen mit schwer reichen Frauen bestand, startete seinen Rolls-Royce Phantom II Drophead Coupé (Teil der Abfindung nach einer kurzen Ehe mit Woolworth-Erbin Barbara Hutton) und kam mit hoher Geschwindigkeit bei Albons von der schmalen Straße ab. Alexis war sofort tot, die Baronin überlebte schwer verletzt. Sie soll einen Juwelenkoffer mit sich geführt haben, dessen Wert sich auf 2,8 Millionen Schweizer Franken belief (und nach dem Unfall nicht wieder aufgetaucht ist). Der damals anwesende Dalí übernahm die Identifizierung der beiden.

Foto: Mundo Gráfico

Roussy hat den Tod ihres geliebten Bruders nie überwunden. Sie wurde depressiv, hat Mas Juny verlassen und ist nicht wieder zurückgekehrt.

Mit dem Verkauf Anfang der 1940er Jahre an die drei Geschwister Puig Palau, Nachkommen einer reichen Industriellen-Familie aus Barcelona, wurde in Mas Juny ein neues, nicht weniger glanzvolles Kapitel aufgeschlagen. Alberto, der älteste Sohn, war ein großzügiger Mäzen der Künste und Künstler, die gerne bei ihm ein und aus gingen. Auch brachte er ein Stück Hollywood-Glamour an die Costa Brava. Während seines Aufenthaltes in den USA, wohin ihn sein Vater geschickt hatte, um die Fortschritte im Bau von Textilmaschinen zu studieren, vertiefte sich der gutaussehende Lebemann Alberto stattdessen lieber in Beziehungen zu berühmten Schauspielerinnen.

Später nutzte Alberto seine Verbindungen in Hollywood dafür, Filmproduktionen an die Costa Brava zu holen, wie zum Beispiel den Film Pandora and the Flying Dutchman mit Ava Gardner und James Mason. Auf unserem Ausflug nach S’Agaro haben wir bereits von der ‚Hollywood-Ära‘ an der Costa Brava erfahren und nicht nur im Hostal Gavina, auch bei Alberto trafen sich die Stars und Film-Bosse auf seinen zahlreichen Gesellschaften, die er gab.


Das erwähnte – für diese Gegend sehr ungewöhnliche – Haus auf der rechten Seite der Bucht können wir nun etwas näher betrachten. Allerdings nicht so nahe wie auf dem Foto unten, der Palazzo wird heute als exklusives Ferienhaus vermietet. Alberto ließ es 1947 als sein Sommerhaus nach Vorlagen eines italienischen Renaissance-Palastes bauen.

Foto: inventaridejardinsdecatalunya.com

Als der Niedergang der Textilindustrie in den 1960er Jahren begann, schwand auch das Vermögen der Puig Palaus. 1968 verkaufte Alberto große Teile des Anwesens samt seinem Mas Castell und damit endete die Ära der legendären Feste in der Castell Bucht.

Wir verlassen Hollywood 😉 , gehen ein Stück bergauf und in der Zeit über 2500 Jahre zurück: Auf der Landzunge am Ende der Castell Bucht können wir Ausgrabungen einer iberischen Siedlung bestaunen.
Dieses Gebiet war vom 6. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. bewohnt und erlebte als Dorf verschiedene Phasen und Erweiterungen. Auch hier wieder eine privilegierte Lage, um sich einfacher verteidigen zu können. Die hier lebenden Indigeten, wie dieses iberische Volk bezeichnet wird, trieben nachgewiesenermaßen Handel mit der weiter nördlich gelegenen griechischen Stadt Empúries. (Näheres zu Empúries gibt es im Beitrag zu den Anxoves aus L’Escala.)

Die Ausgrabungen wurden von Alberto Puig Palau finanziert, seit 1996 zählen sie zu den Kulturgütern von nationalem Interesse.
Foto: visitpalamos.cat

Wir folgen dem Camí de Ronda weiter mit atemberaubenden Ausblicken auf die Küste und das Meer.

Die Wanderung auf dem Camí kann natürlich nach Tageslaune beliebig ausgedehnt werden. Wir biegen heute nach circa 20 weiteren Minuten links ab auf einen Waldweg, der uns schon das letzte Highlight ankündigt: Die Barraca d’en Dalí.

Salvador Dalí war mit seiner Frau und Muse Gala wie schon erwähnt, bereits in den 30er Jahren Stammgast im Mas Juny. Auch zu Alberto pflegte er eine enge Freundschaft und hatte in ihm gleichzeitig einen großen Bewunderer seiner Kunst. 1950 ließ Puig Palau auf seinem Land ein Steinhaus errichten, das Dalí während seiner Aufenthalte in der Cala Castell als Atelier dienen sollte. Es wurde nach einer Aquarellzeichnung von Dalí gebaut. Er hat hier allerdings nie gemalt. (Hier ist eine Abbildung der Zeichnung zu finden: https://www.poblesdecatalunya.cat/element.php?e=11804).

Wir können nun entweder der Beschilderung nach zurück zur Castell-Bucht wandern und von dort denselben Weg auf dem Camí zurücklegen. Oder: Wir gehen eine etwas abwechslungsreichere Runde mit einem weiteren Schlenker durch den Wald, auf der Rückseite des Mas Castell vorbei und über die grünen Felder wieder zu unserem Ausgangspunkt La Fosca. Diese Runde ist ca. 6 km lang.

Die Karte wurde mit brouter.de erstellt

Strand La Fosca, 17230 Palamós, Baix Empordà, 11 km / 15 Min. von Calonge-Cabanyes entfernt

*Ich habe für die Geschichte von Mas Juny in zahlreichen Blogs und Zeitungsartikeln recherchiert. Zu diesem Foto habe ich nie eine Quellenangabe gefunden und zeige es hier nach bestem Wissen und Gewissen in der Annahme, dass die Bildrechte nach annähernd 100 Jahren erloschen sind. Ähnlich wird es sich wahrscheinlich auch mit dem Foto des Unfallwagens von Alexis Mdivani verhalten – in zahlreichen Publikationen ist es ohne Quelle veröffentlicht, eine einzige führt zu Mundo Gráfico, einer Zeitschrift aus der damaligen Zeit.

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