elBulli1846 – Ausflug in die Geburtsstätte der Avantgarde-Küche, Teil 2

Das kreative Vermächtnis der elBullifoundation.

Nach der Beschreibung des elBulli in Teil 1 und wie es mit Ferran Adrià den Aufstieg zum besten Restaurant der Welt nahm, gehen wir im zweiten Teil nochmal zurück zum Eingang ins Museum und betrachten in der Ausstellung im Aussenbereich, welcher Arbeit und welchen Themen sich Adrià und sein Team ab 2011 gewidmet haben.

Wir stoßen auf eine Menge Installationen und Info-Grafiken, die wir mit Hilfe des Audio-Guides zu entschlüsseln versuchen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist unmöglich, die Komplexität der über viele Jahre andauernden Arbeit der elBullifoundation in einem einzigen Besuch zu erfassen – und schon gar nicht in einem Blog-Artikel zu erzählen. Aber ich hoffe, ich kann euch einen guten Eindruck vermitteln, ob der Besuch für euch interessant sein könnte.

Wir wissen nun, dass die elBullifoundation mit dem Ziel gegründet wurde, das gesammelte gastronomische Wissen so aufzubereiten, dass es nachfolgenden Generationen dienen kann. Die Gerichte des elBulli und deren Bestandteile (von Nr. 1 bis Nr. 1846 ) waren über all die Jahre sehr genau analysiert, katalogisiert und archiviert worden. Zunächst ging es also darum, eine Struktur zu finden und eine Ordnung herzustellen.

Es stellte sich die Frage: Wo anfangen? Und es wäre kein Projekt von Ferran Adrià, wenn nicht zu allererst der Wesenskern und der Ursprung der Dinge herausgeschält werden sollten. So begann der Prozess beim Homo Sapiens und den Fragen:

Wie hat das Kochen begonnen? Was ist im Laufe der Geschichte geschehen, dass wir heute so kochen können?

Adrià hat sich diesen Fragen zunächst mit Pinsel und Ölfarben gestellt. Hier beginnt die Ausstellung und die Reise in den kreativen Kosmos elBulli: Wie war es, als der erste Mensch einen Fisch zubereitet … Einen Gemüsegarten angelegt …. Das erste Gericht mit Honig gesüßt hat? …
Gab es als die ersten Menschen kochten so etwas wie einen persönlichen Geschmack? Gehört das Schälen einer Banane bereits zur Zubereitung? Trinkt man eine Suppe oder isst man sie?

Die Taxonomie, die Einstufung und Kategorisierung von Lebensmitteln und Zubereitungsarten, war schon zu Zeiten des Restaurantbetriebes ein wichtiges Thema… Dieses System hielt aber aus der jetzigen Sicht nicht mehr Stand und man suchte nach weiteren Ansätzen. Das Projekt wurde immer größer und komplexer, mehrfach warf man alles wieder über den Haufen und fing von vorne an …

Nach jahrelanger Forschung und immer wieder in Zusammenarbeit mit technischen und wissenschaftlichen Kooperationspartnern, wurde im Laufe dieses Prozesses die ungeheuer komplexe Methoden-Datenbank SAPIENS erschaffen. Mehr über das SAPIENS – Universum könnt ihr hier erfahren: https://metodologiasapiens.com .

Ab 2014 wurde die Suche nach den Schlüsselfaktoren für Kreativität und innovative Entwicklung integriert, völlig unabhängig vom Fachbereich und von der Disziplin Gastronomie, vor allem mit Menschen aus der Kunstwelt. Ziel der elBulliDNA war nicht weniger, als das Genom des kreativen Prozesses zu entschlüsseln.

Viel wichtiger als Antworten sind Fragen. Sie stehen am Anfang des Entwicklungsprozesses.

WIE hängt alles zusammen?
In der Praxis kann das System in jeglichen Unternehmen und Bildungseinrichtungen, genauso wie von Studenten und Selbstständigen verwendet werden. Sehr vereinfacht ausgedrückt enthält es verschiedene Methoden , um neue Ansätze zu entwickeln, neue Abläufe zu implementieren, sie zu optimieren und die Effizienz zu steigern.
Ein weiterer Zweig der elBullifoundation: Mit der angewandten Sapiens-Methode entstand Bullipedia – eine Buchreihe mit vertieftem Wissen zu Gastronomie, Kreativität und Innovation.
Eines der neu errichteten Gebäude und die physische Heimat der elBulliDNA. Es wirkt wie ein großer Fels. Von weit oben betrachtet, verschmilzt es mit der Landschaft des Cap de Creus.
Außerhalb der Museumszeit fungiert das Gebäude als Forschungs- und Studienzentrum.
Großartig multimedial aufbereitet können wir viele Dokumentationen von Entstehungsprozessen betrachten, von den elBulli Ausstellungen in aller Welt, von Interviews mit Kooperatioonspartnern, mit Wegbegleitern undundund. Allein hier könnten wir drei Stunden verbringen.

Für die Höchstleistung, die hier jedem einzelnen im Restaurantbetrieb abverlangt wurde, brauchte es natürlich ein hochmotiviertes und hochtalentiertes Team. Den Bullinianos, wie sie liebevoll genannt werden, ist ein Teil der Ausstellung gewidmet. Viele kommen in den Video-Dokumentationen zu Wort und alle eint, dass sie im elBulli eine ganz eigene Philosophie im Umgang mit Küche und Gastronomie erfahren und lernen durften. Und sie sind stolz, ein Teil der weltweiten elBulli-Familie zu sein. Im Laufe seines Bestehens waren insgesamt mehr als 2.500 Personen aus 17 Ländern in Küche und Service für den Betrieb tätig. Das elBulli bildete bis zu 30 Azubis pro Saison aus, auf die es jedes Jahr viele tausende von Anfragen gab.

Nicht verwunderlich, dass in der Liste von 2010-2022 der als beste Restaurants der Welt gekürten, auch etliche Bullinianos zu finden sind. Zum Beispiel Joan und Jordi Roca – die zusammen mit ihrem Bruder Josep den legendären Celler de Can Roca in Girona betreiben (und seit 2009 ununterbrochen mit 3 Sternen ausgezeichnet werden).

Was steht hinter dem Kreativprozess? Soviel ist klar: Hinterfrage immer den Status Quo! Und: Verfalle niemals in eine Routine!

Ich hoffe, dass ich mit meinen beiden Artikeln eine gute Entscheidungshilfe gebe, ob sich der Weg hierher für euch lohnt (oder eben nicht). Es ist vermutlich nicht für jeden so spannend wie für mich, auch bezweifle ich, dass Kinder hier ihren Spaß haben werden. Auf jeden Fall allen an der Entstehung von kreativen Prozessen Interessierten oder beruflich Involvierten, lege ich einen Besuch sehr ans Herz. Und selbstverständlich allen, deren Leidenschaft die Gastronomie ist.

Auf der Seite https://elbullifoundation.com/ gibt es neben Tickets und vielen weiteren Infos den Zugang zu der sehr gut gemachten Doku-Serie elBulli – Historia de un sueño / Die Geschichte eines Traums. In 15 Videos von jeweils knapp einer Stunde, wird die Geschichte des elBulli von 1963 bis 2017 erzählt.

Der Eintritt beinhaltet einen Multimedia-Führer auf Spanisch, Katalanisch, Englisch und Französisch (eigene Kopfhörer empfohlen). Das Museum hat nur saisonal geöffnet (in 2026 von 1. Mai bis 12. Oktober).

Museum elBulli1846, Cala Montjoi s/n, 17480 Roses, Alt Empordà, 84 km / ca. 1 Std. 30 Min. von Calonge-Cabanyes entfernt

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